Du hast mich nie gesehen!


Barbara Shers Worte in ihrem Video auf youtube "Create your new life" bewegen mich nicht nur zum Lachen, sie machen mich auch nachdenklich. Es geht um ihre Definition von Liebe.
Meine freie Übersetzung:

Weißt du was Liebe ist, was Liebe wirklich ist? Nicht dieses romantische Zeugs, das uns die Natur einredet. Zu lieben bedeutet in der Lage zu sein zu sehen, wirklich hinzusehen. Einen Menschen zu lieben bedeutet diese Person zu sehen. Nicht als jemanden, der dich glücklich machen könnte oder dir geben könnte, was du brauchst. Vielleicht ist es jemand, dem du nicht nahe sein kannst, vielleicht ist es jemand, der dir Schwierigkeiten macht und mit dem du nicht zusammen sein kannst, aber diese Menschen sind einzigartig und erstaunlich.
Ich habe in meinem Post "Verlassene Eltern" über das gesellschaftliche Dilemma geschrieben, dass immer mehr Kinder sich von ihren Eltern abwenden, sie nicht mehr sehen wollen und diese in Schmerz, Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit zurückbleiben. Mir begegnen häufig Leute in meinem Alter (Kriegsenkel), die sich "nicht gesehen" fühlen. Es scheint, als ob der Fokus unserer Eltern (Kriegskinder) unbewusst auf sie selbst gerichtet war. Vielleicht war das nötig, damit sie sich selbst halten konnten. Dafür stelle ich in meiner Generation eine gewisse Haltlosigkeit fest, eine große Angst vor dem Fallen lassen, die durch ausgeprägte Selbstkontrolle kompensiert wird. Fallen lassen auf vielen Ebenen, was bedeuten kann sich nicht in eine Beziehung fallen lassen zu können, aber auch in jedwede Herausforderung, die Verantwortung mit sich bringt. Diese Haltlosigkeit macht klein und verzagt. Fühle ich mich nicht gesehen, dann bekomme ich kein feedback, was mich selbst betrifft. Ich bekomme Erwartungen, Vorstellungen, Ansprüche, Forderungen, wie ich sein sollte. Ich bekomme ein Bild von dem, wie ich idealerweise zu sein hätte. Und das bringt mich weit weg von dem, was ich wirklich bin. Wer sich nicht gesehen fühlt, mag auch irgendwann nicht mehr auf den anderen schauen. Wer sich nicht gehalten fühlt durch eine Verbindung, die aus dem Herzen kommt, der braucht viel Kraft um sich selbst zu halten. Was bleibt sind Vorwürfe, die aus enttäuschten Erwartungen hervorgehen. Meistens beidseitig. Und Vorwürfe machen uns unfrei, sie halten uns in einem Status der Erwartung und Sehnsucht fest, der in der Regel unerfüllt bleibt. Wie kleine Kinder klammern wir uns an unserem Wunsch und der Wunscherfüllung fest. Wir alle haben genaue Vorstellungen von "idealen Eltern" und was sie tun und lassen müssten, um uns zu glücklichen Kindern zu machen. Und die Sehnsucht nach einer glücklichen Kindheit, dem Gesehen werden wie wir wirklich sind und dem bedingungslos Geliebt werden wie wir wirklich sind, kennt keine Altersgrenze. Wurde unser Bedürfnis nicht von unseren Eltern  gestillt, übertragen wir es auf den Partner. "Sieh mich, halte mich, lass mich nicht fallen, liebe mich, mach mich glücklich". Und das Rad von Erwartung und Enttäuschung dreht sich weiter.

Barbara Sher kommt auf ihre Definition von Liebe, nachdem sie sagte "Give your heart an exercise".
Ich stimme ihr zu. Um aus dem Dilemma von "nicht gesehen werden und nicht mehr sehen wollen" herauszukommen, könnten wir unser Herz darin üben zu sehen, wirklich hinzuschauen. Und das heißt hinter die Fassade zu blicken. Unsere Gesellschaft ist dem schönen Schein verfallen. Wollen wir wirklich lieben, dann gilt es sich nicht vom schönen Schein blenden zu lassen, sondern das zu sehen, was darunter liegt.
Das Schöne im Sein zu entdecken. Das zu sehen, was im Kern angelegt ist und nicht das, was die schöne oder weniger schöne Schale uns sehen lassen will. Unter die Oberfläche zu dringen und die Schönheit zu sehen, die in einem  jeden von uns angelegt ist. Das, was uns einzigartig und erstaunlich macht.
Können wir es in uns sehen, können wir es im anderen sehen.
Können wir es im anderen sehen, können wir es in uns sehen.
Es lohnt sich also in jedem Fall richtig hinzuschauen.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien". 

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Mehr Gedanken zu diesem Thema unter "Band ums Herz", "Kriegskinder - Die vergessene Generation","Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation", "transgenerationale Traumata", "German Angst", "Ein System für das es noch keinen Namen gibt"

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