Leben in Zeiten von WhatsApp


Auf unserem Küchentisch liegt ein Smartphone.
Es liegt da für mich und dank ihm könnte ich die Welt der Dummphonebesitzer hinter mir lassen. Ein Dummphone kann nur sms schreiben und telefonieren, ein Smartphone kann (nahezu) alles. Und das Wichtigste: Es eröffnet mir den Eintritt in die Welt von WhatsApp, dem aktuellen Informationskanal.
Dieses smarte Phone ist noch nicht mein Freund, noch weigere ich mich ihm den Zutritt zu meiner Handtasche zu gewähren und damit mein kleines, handliches Kartenphone zu vertreiben. Ich traue ihm noch nicht, auch wenn ein Großteil meiner Familien- und Freundeswelt nach ihm ruft, ich fühle mich noch nicht bereit. Ich bin altmodisch. Und ich fühle mich genötigt. Nötigung erzeugt Widerstand.

Ohne WhatsApp keine Kommunikation.

Anfang des Jahres verpasste ich die synchrone Teilnahme an der absolut chaotischen Silvesternacht einer Freundin, da ich nicht ihrer WhatsApp-Gruppe angehörte. Erst zwei Wochen später erhielt ich eine veraltete Copy&Paste-Version per EMail. Die Frau ohne Smartphone (mein Titel für 2013) ist nicht up to date.
Im Sommerurlaub verbrachte ich gut Zeit damit auf meinen Mann zu warten, der mit seinem Blackberry Fotos aufnahm und an die Kinder und Freunde per WhatsApp verschickte. Er ließ mich teilhaben an den Fotos, die zurückkamen.
Dank der Smartphoneausrüstung mit superguten Kameras wird fast nicht mehr geschrieben, denn Bilder sagen mehr als tausend Worte. Noch ein Smily dahinter und die Nachricht ist geritzt.
Eine Freundin kommuniziert nur über WhatsApp. EMails sind out. Die Firma, für die sie arbeitet, verbietet jeglichen Zugang zu privaten Social Media-Kanälen, aber der Griff zum Smartphone auf dem Klo wird hoffentlich noch nicht per Kamera überwacht. Die Toilettengänge häufen sich.

Meinen Freundinnen ist eine Fähigkeit gemeinsam, die mir abgeht. Sitzen wir in einem Cafe oder Restaurant, nehmen sie während des Gesprächs alles wahr, was um sie herum vorgeht. Sie bekommen das Gespräch am Nebentisch mit, wissen was der Lieferant geliefert hat, welcher Kuchen favorisiert wird, welchen Nagellack die Frau am hintersten Tisch trägt und fragen sich, zu welchem Friseur die Bedienung geht. Während ich oft in einem Kokon sitze und im Gespräch ausblende, was um mich herum vorgeht, sind ihre Antennen immer auf Empfang.
Einzig das Brummen des rechteckigen Kästchens zieht ihre Aufmerksamkeit völlig in dessen Bann. "Sorry ich muss mal schnell" und sie tauchen ab in die elektronische Welt von WhatsApp oder facebook.

Haben sich die ersten Handybesitzer noch in Einfahrten verdrückt und wurden belacht als "Wichtigtuer", so hat die Wichtigkeit heute die Mehrheit der Bevölkerung erreicht. Der Reisebericht einer Arbeitskollegin, die in den 80-ern nach Hongkong flog, und uns atemlos davon erzählte, dass auf der Fähre jeder in ein rechteckiges Kästchen sprach, erinnerte an einen Science-Fiction-Film. Heute fühle ich mich als Statist in diesem Film.
Das Laufen auf dem Gehsteig ähnelt oft einem Slalom.
Wer zu Fuß unterwegs ist starrt in ein Kästchen, wer mit Bus oder Bahn unterwegs ist tut das sowieso, wer auf einer Parkbank sitzt auch. Nur die Radfahrer und motorisierten Leute brabbeln vor sich hin. Erhalte ich heute einen Anruf, dann überwiegend von jemandem, der gerade von A nach B unterwegs ist und sich die Zeit mit einem Gespräch vertreiben will. Ob es nun etwas zu erzählen gibt oder nicht, egal - Autozeit ist Telefonierzeit.

Zurück zu meinem smarten Phone.
Mein Sohn, den ich aus der Küche schickte, wenn ich die Mikrowelle startete, sagt, er ist enttäuscht, dass ich mich freiwillig und stetig der Mikrowellenstrahlung eines Smartphones aussetze. Es liege an mir, wenn ich mich ausgeschlossen fühle. Ich müsse mich ja nicht so fühlen. Ich könne auch weiterhin meinen schönen Füller benutzen um handschriftliche Briefe zu schreiben.
Meine Tochter sagt "Na endlich, wurde auch Zeit" und ist genervt, weil ich auf ihre WhatsApp-Nachricht erst am Abend antworte. Dann, wenn ich an den Küchentisch zurückkehre. Sie möchte gleich und sofort wissen, ob es sich lohnt abends zum Essen zu kommen.
Eine Freundin lacht mich aus ob meiner Antihaltung. Sie sieht ein Smartphone als netten Zeitvertreib für sinnlose Momente, lieber Glotzen statt Langeweile. Es ist die perfekte Ablenkung aus einer immer sinnentleerteren Welt, denn es schafft den Schein von Sinn durch all die wichtigen Welten, in die es dich entführen kann. Wer Fokus und Spiegel als App geladen hat gilt als neuer Bildungsbürger. Zeig mir deine Apps und ich sag dir wer du bist.
Ein Bekannter erzählt mir von seiner Eifersucht auf das Smartphone seines Mannes, dessen erste Berührung am Morgen dem Gerät auf dem Nachtkästchen gehört.
Eine Freundin sagt, dass sie keine Postkarten mehr bekommt, weil der Urlaub von Freunden bereits per Smartphone auf facebook vollständig dokumentiert ist, bevor die wieder daheim sind. Ein Treffen danach erübrigt sich, da die tollen Urlaubsfotos ja schon Bände gesprochen haben. Social Media macht irgendwie einsam, weil alles in Echtzeit dokumentiert wird und der Dialog in einem Like besteht. Kann es sein, dass soziale Medien unsozial sind?
Mein Mann nimmt meine Marotte und schickt mir eine altmodische Liebeserklärung in Form von Zeichen aufs Dummphone und eine neumodische in Form eines Bildes über WhatsApp aufs Smartphone.

Als ich vor einiger Zeit ins Dojo kam, konnte ich meinen Anzug nicht finden. Seit fast acht Jahren lasse ich ihn an einem Haken in der Umkleide hängen und konnte mich nicht erinnern, dass ich ihn zur Wäsche mit nach Hause genommen hatte, aber gut. Auf dem Weg nach draußen, denn ohne Anzug kein Training, sagte mir mein Trainier, dass er ihn in die Sauna aufgeräumt hätte. Aha, okay, ich hole ihn und trainiere. Vorgestern wurde ich im Dojo mit den Worten begrüßt, dass ich wohl nicht den Wink mit dem Zaunpfahl verstehe? Wie? Na, warum wohl habe ich den Anzug in die Sauna geräumt? Keine Ahnung, warum? Weil ich dir damit sagen wollte, dass du ihn nicht in der Umkleide hängen, sondern mit nach Hause nehmen sollst. Aha, ich bin ein Mensch, eingefahren in Gewohnheiten und ab und an merkbefreit. Gibt es neue Regeln, kann man mir die sagen. Noch immer haben Menschen einen Mund um zu reden und Ohren um zu hören. Dann dachte ich mir, dass er mir statt des pädagogischen Versteckspiels auch eine Nachricht per sms hätte schreiben oder ein Foto von meinem durchgestrichenen Gi in der Umkleide hätte schicken können. Aber dann fiel mir ein, dass ich zu dieser Zeit ja noch nicht über WhatsApp verfügte.

In den 80-er Jahren sangen die Buggles "Video Killed The Radio Star" - was sie wohl heute singen würden?


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