Verzeihung


Im gestrigen Tatort "Angezählt" geht die Polizistin Bibi Fellner zu einer Psychologin, weil sie ihr Gefühlsleben nicht als normal empfindet. Sie erzählt vom Besuch bei ihren Patenkindern, die ein Konzert gaben, der Rührung unter den Erwachsenen rundherum und dem Stolz der Eltern auf das Können ihrer Kinder. Bibi langweilt das, unter all den Gerührten bleibt sie die einzige Ungerührte und sucht eine Erklärung in der Härte ihres Berufs. Als die Psychologin sie fragt. ob ihre eigenen Eltern sie gelobt und toll gefunden hätten, erzählt sie vom Tod ihrer Mutter als sie vier Jahre alt war und dass der Vater sie zu den Großeltern brachte, weil er eine Kneipe betrieb, die kein Ort für ein kleines Kind war. Der Vater besuchte sie so gut wie nie. Zweiundzwanzig Jahre waren inzwischen seit dem letzten Treffen vergangen. Und Bibi sagt "Ich konnte ihm das nie verzeihen".

Darauf die Psychologin "Wir Kinder können unseren Eltern nicht verzeihen, das wäre anmaßend".

Diese Worte sind für mich eine Antwort auf das große Bemühen vieler erwachsener Kinder, die denken, dass sie ihren Eltern verzeihen müssten, dann wäre alles gut. Zu denken jemandem etwas verzeihen zu müssen, setzt voraus, dass sich derjenige schuldig gemacht hat. Sollen wir unseren Eltern gegenüber großmütig sein? In den meisten Fällen ist es so, dass Eltern unfähig sind. Sie tragen die Verantwortung den Kindern gegenüber für ihr Unvermögen, aber nicht unbedingt Schuld. Bibi entscheidet sich auf Anraten der Psychologin ihren Vater im Altersheim zu besuchen. Der Film endet dort, wo sie die Treppen zu ihm hinaufgeht. Alles weitere ist Fiktion. Ich stelle mir vor, wie sie im Gespräch mit ihm herausfindet, dass für ihn der Verlust seiner Frau genau so schwer war wie für sie der Verlust der Mutter. Dass er genug mit sich selbst zu tun hatte und sie in die Obhut von Menschen brachte, denen er vertraute. Und dass ihn sein schlechtes Gewissen immer weiter von ihr entfernte.
Wer kennt das nicht? Aus einer Unfähigkeit heraus schaffen wir es nicht Verantwortung zu übernehmen und das darauffolgende schlechte Gewissen lässt jede weitere Chance ungenutzt vorüberziehen, in der wir etwas wieder gut machen könnten. Am Ende verdrängen wir. Entschuldigen, rechtfertigen, beschuldigen.
Bibi könnte als erwachsene Frau Verständnis entwickeln für das Verhalten ihres Vaters, indem sie seine Unfähigkeit erkennt. Das müsste sie nicht für ihn tun, sie könnte das für sich tun, denn jedes Stück Verständnis für das System, das zusammenwirkt, gibt ein Stück mehr Freiheit.  Die Wunde, die ihr durch die Ereignisse zugefügt wurde, wird ihr dadurch nicht genommen, aber Verständnis für die Dinge könnte sie diese Wunde leichter ertragen lassen.

Berührt wird sie von Ivo, dem Kind, das ein noch härteres Schicksal trifft wie sie. Der wird nicht nur von Mutter und Vater verlassen, sondern vom Vater zum Rachemord an einer Frau missbraucht. So legt der Vater Schuld auf das Kind. Ivo erschießt seinen Vater um Bibi zu retten. Und hier geht es für mich nicht darum, dass Ivo irgendwann seinem Vater verzeiht, sondern dass er es schafft sich selbst zu verzeihen.
Uns selber verzeihen zu können ist ein wesentlich größerer Akt als uns anderen gegenüber großmütig zu zeigen und ihnen zu verzeihen.

Wie oft haben wir solche "inneren Morde" in unserem Leben betrieben? Wem haben wir den Tod oder die Pest an den Hals gewünscht oder gehofft, dass er einfach nicht mehr da ist? Wie oft haben wir beschimpft, verflucht, schlecht geredet? Die anderen und uns selber?

Und wem müssen wir das verzeihen?




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