Resilienz


Einst sprach der Ozean zum Ganges:
"Wie kommt es eigentlich, dass du zur Regenzeit so viele riesige, gewaltige Baumstämme mit dir bringst, aber gar kein Gras, kein Rohr und keine Schilfhalme? Sind diese dir zu gering, weil sie schwach sind und so wenig Widerstand leisten? Oder wie verhält es sich damit?"
Darauf sprach der Ganges:
"Das will ich dir gern erklären, lieber Ozean. Das Gras, das Rohr und die Schilfhalme, die neigen sich und bücken sich, wenn ich mit den großen Wogen komme. Sie kennen die rechte Zeit und die rechte Gelegenheit, sie sind nicht übermütig und starr. Darum beugen sie sich vor der Übermacht des Wassers und des Sturms, und wenn ich über sie hinweggegangen bin, stehen sie wieder aufgerichtet und fest an ihrer alten Stelle. Die Bäume dagegen wollen unbeweglich Widerstand leisten, und darum werden sie von mir geknickt trotz ihrer viel größeren Kraft und Stärke."

nacherzählt aus "indische Märchen"

Das Wissen um die Notwendigkeit von Flexibilität in schlechten Zeiten ist uralt.
Resilienz ist das neue Modewort für die Fähigkeit nicht am Leben zu zerbrechen, wenn uns ein Schicksalsschlag ereilt. Menschen mit der Fähigkeit zur Resilienz sind die glücklicheren und gehen ungebrochen weiter.

"Jede Krise birgt gleichzeitig eine Chance" ist eines der neuen Credos, aber wer sieht die Chance, wenn er im Strom des Lebens in eine Turbulenz geraten ist und nur noch rudern kann, um sich eingermaßen über Wasser zu halten und nach Luft zu schnappen. Wer schwimmt hat keinen Boden mehr unter den Füßen, nichts mehr, das augenscheinlich Halt bietet.
"Gib dich hin und du kommst wieder raus" - gutgemeinte Worte von jemandem, der am Ufer steht und sich nicht in der Unterströmung befindet, die einen so durchwirbelt, dass man nicht mehr weiß wo oben und wo unten ist.
"Immer schön positiv denken", diese Worte sind der Killer, nach der Devise "Smile or Die" befinden sich in jeder elektronischen Botschaft haufenweise augenzwinkernde und lächelnde Emoticons. Egal wie belastend die Lage ist, mal ein Smily dahintergesetzt und alles ist halb so schlimm.

Ist das Resilienz?
Kann uns eine dieser Botschaften die Fähigkeit zur Elastizität vermitteln? Hören wir so etwas gerne, wenn wir mittendrin sind? Für Menschen in der Krise klingen solche Worte oft wie blanker Hohn und werden begleitet von "Irgendwas mache ich falsch". Wer kann nach vorne schauen, wenn die Wellen über ihm zusammenschlagen?
Wir können das Leben nur vorwärts leben um es rückwärts zu verstehen. Erst im Rückblick offenbaren sich die positiven Aspekte in gravierenden Veränderungen. Aber welchen Preis haben wir dafür bezahlt?

Mir persönlich helfen all diese schlauen Sprüche gar nichts, wenn ich in einer Krise bin.
Was mir hilft ist das Vertrauen in mich und meine Kraft, denn die Tatsache, dass ich mal wieder in einer Krise bin heißt ja "Ich bin noch immer da!" und ich führe mir vor Augen, was ich schon alles geschafft habe, das gibt mir Mut und lässt mich wissen "Ich schaffe auch das, keine Ahnung wie und keine Ahnung in welchem Zustand ich rauskomme, aber ich schaffe es". Das gibt mir den Biss, den ich brauche um durchzugehen.
"Und alles hat etwas Gutes" - das kann ich annehmen, denn jede überstandene Krise stärkt das Vertrauen in mich selbst. Krisen machen demütig. Sie zeigen uns, dass es keine Sicherheiten gibt und nichts selbstverständlich ist. Was wir wirklich brauchen in solchen Zeiten ist Trost. Dinge, die wir vorher missachtet haben, gewinnen an Wert. Wir sind dankbar für jedes Ohr, das zuhört, für jede Hand, die sich um unsere schließt, für jeden Arm, der sich um uns legt und jedes Lächeln, das mitfühlt.

Von der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross stammen die Worte "Ohne die Stürme des Lebens, die über die Landschaften hinwegfegen, gäbe es keine großartigen Canyons".







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