Robert Gwisdek - Vertreter einer neuen männlichen Generation

Letzten Sonntag schickte mir eine sehr geschätzte Person den link zu einem Video.

Zu sehen ist ein Interview mit Robert Gwisdek, Sohn der Schauspieler Michael Gwisdek und Corinna Harfouch, selbst Schauspieler, Musiker, Kurzfilmemacher, Lyriker und nun auch Schriftsteller. Im Interview geht es um sein Buch "Der unsichtbare Apfel" und Igor, der Hauptfigur, die in einem Selbstversuch durch Isolation, Dunkelheit und Geräuschlosigkeit den eigenen Geist an Nichtinformation zerschellen lassen will , damit er aufhört Formen zu bauen und sich hingibt.

Interessant für mich wird es gegen Ende des Interviews.

Robert Gwisdek auf die Frage "Kreist denn jeder Mensch vor allem um sich selbst?"
Ich finde unsere Generation hat geradezu die Pflicht sich mit sich selbst zu beschäftigen, weil die ganzen Generationen davor keine Zeit hatten und wir dieses Privileg haben die Ressourcen dafür zu haben.Wenn alle Menschen so darüber schimpfen, oder viele, wir leben in einer Gesellschaft, jeder therapiert sich selbst und macht tausend Selbsthilfekurse, das sind alles so Weicheier und Depression und Schnickschack und früher war man viel praktischer veranlagt, ich finde da übersieht man den Kontext, aus dem jede einzelne Generation kommt. Meine Großeltern haben zwei Weltkriege überlebt, da gibts nix mit Depression, da wirst du ausgelacht für, und dann gibts die erste Generation, die 68-er, die natürlich im Gegensatz zu unserer Generation viel konkreter aussieht, von außen viel tatkräftiger, dass sie jetzt wirklich einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen will, aber das hängt auch damit zusammen, dass sie die erste - ähm - so radikal wie die sich von ihrer Elterngeneration abgewendet haben, das müssen wir nicht mehr machen. Denn das sind unsere Eltern, ein Stück weit, wir können quasi mit unseren Eltern in einem freundschaftlichen Bund stehen bleiben und versuchen einen neuen Schritt zu machen und dieser wirklich neue Schritt erfordert so viel Aufräumarbeit, psychologisches Aufräumen, Wegschmeißen jahrtausendalter merkwürdiger Strukturen, die wir, glaube ich, auch mitnehmen, wenn wir geboren werden, ohne dass wir dafür viel Input brauchen. Das ist in unseren Zellen, wie viel Schmerz da gespeichert ist. Und deswegen habe ich nichts dagegen, wenn wir jetzt mal zwei- drei Generationen lang Leute sind, die depressiv in der Ecke sitzen und sagen "Ich brauche eine Therapie und ich habe Burn-out-Syndrom", bis sich das alles mal regeneriert, weil der Mensch hat eine krasse Geschichte hinter sich. 2000 Jahre lang, länger war das nur Angst, nur Angst, Angst Angst Angst Angst ...

Das ist die Beschreibung einer gefühlten transgenerationalen Traumatisierung.
Robert Gwisdek ist 30 Jahre alt und gehört, für mich, zu einer neuen Generation von jungen Männern, die einen anderen, einen neuen Weg suchen.
Über sich selbst sagt er:
Nichtstun ist wirklich eines meiner hartnäckigsten Hobbies, konzentriertes Nichtstun, Meditation sozusagen. Es ist wirklich sehr spannend -radikales Nichtsmachen.
Trotz all des konzentrierten Nichtstun tut es ihm gut sehr unterschiedliche Dinge zu tun und zu untersuchen. Seine Kreativität entsteht aus der Stille.

Kommentar von gerhardtaro (lädt Videos auf youtube hoch) "nichts tun, um dann hochleistungen zu vollbringen. das lässt unsere kultur alt aussehen. ich vermute, ich weiß, er hat recht."

Kommentator des eingestellten Videos "Robert Gwisdek ist besessen von der Erkundung des Universums und unserer Existenz. Ihn bewegen die Fragen - Was ist Realität? Was ist Existenz?"

Zu meiner Generation wurde gesagt "Aus der Langeweile gebiert sich die Kreativität". Langeweile ist ein passiver Zustand und in der Langeweile entsteht die Frage "Was könnte ich tun, um mich nicht mehr zu langweilen?". 
Was gebiert sich aus aktivem Nichtstun ohne die Frage, was getan werden könnte?
Was geht aus einer Generation hervor, die sich in der Pflicht zur Depression sieht? 
Tut diese Generation, die augenscheinlich nicht viel tut, viel mehr als ersichtlich ist?

Tut diese Generation durch Nichtstun etwas, was die vorherigen Generationen vor lauter Tun nicht tun konnten?

Nachdem mein Mann gestern diesen Beitrag gelesen hatte, meinte er, ihm würde ein Abschluss fehlen.
Ich habe diesmal keinen Abschluss, ich habe auch keine Antworten auf meine gestellten Fragen. Ich weiß nur, dass eine Veränderung stattfindet, es ist mehr ein gefühltes Wissen. Und ich fühle, dass diese Veränderung anders ist als das, was ich bisher kenne. Sie basiert nicht auf Aktionismus, wie wir das seit Generationen gewohnt sind. "Schaffe, schaffe, Häusle baue" ist vorbei. Sie basiert auch nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, denn auch die Wissenschaft befindet sich oft auf dem aktuellen Stand des neuesten Irrtums. Aktionismus, Materialismus, rein logische Erkenntnisse - daran haben wir lange genug geglaubt. Es braucht etwas Neues, etwas das noch nicht gelebt wurde. Etwas, das Pioniere braucht, die zeigen, dass es machbar ist. Es braucht immer Pioniere mit einer Vision, die sich nicht von Bedenkenträgerei abbringen lassen. Die einfach ihren Schritt gehen, damit der nächste den weiteren Schritt gehen kann. Heute vielleicht in eine Richtung, die (noch) unmöglich scheint. Ich persönlich habe mich entschieden aufzuhören zu jammern über das Wetter, Ungerechtigkeit und das Leben allgemein (ich bin in Übung). Ich möchte meinen Blick dorthin richten, wo etwas Neues entsteht. Es braucht eine Veränderung, wir brauchen Veränderung. Menschtum statt Eigentum. Ich bin dabei. Und versuche jeden Tag meinen Horizont ein bisschen weiter zu schieben. Weg von einengenden Gedanken, Überzeugungen, Vorurteilen. Hin zu mehr Offenheit, Toleranz, Akzeptanz. Das ist ein gutes Stück Arbeit. Ich denke es ist es wert.

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ZDF aspekte Interview mit Robert Gwisdek

ZDF aspekte - Über Robert Gwisdek

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Ähnlicher Blogbeitrag "Neue Männer braucht das Land oder Sind Männer die neuen Opfer der Gesellschaft?"

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Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie unter "RaumZeiten" auf meiner Homepage finden. 



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