Leben in Zeiten einer Pandemie - Covid-19

Wo bin ich?

Einige Tage lang stellte sich mir die Frage, ob ich Fake-News auferliege.
Da standen die Aussagen von Wolfgang Wodarg gegen die Auflagen der Regierung. Kann es sein, dass eine Regierung, unsere Regierung, Falschmeldungen unterliegt und panikartig alles zum Erliegen bringt?

Dienstag, 17.3.2020
Mein Geburtstag. Alle Pläne, die da waren um ihn zu feiern, mussten geändert oder abgesagt werden. Es war der Tag des shutdowns. Alles unterlag dem großen Schließen.
In Bayern wurde am 16.3. der Katastrophenfall ausgerufen. Die Schulen waren bereits geschlossen, am 17.3. folgte das sukzessive Schließen der gastronomischen Einrichtungen, ab 18.3. der gesamte Einzelhandel, am 21.3. erfolgten die Ausgangsbeschränkungen. Das gesamte soziale Leben kommt zum Stillstand.

Mittwoch, 18.3.2020
Meinen Geburtstag konnte ich noch mit meinen Kindern und einem Freund zuhause feiern. Am 18.3. besuchten wir diesen Freund in der benachbarten Stadt und eröffneten das Außengrillen mit Dorade und Rippchen. Gespräch: die Auswirkungen von Covid-19 und der worst case für unser kleines Unternehmen und damit uns.

Donnerstag, 19.3.2020
Den Morgen starten wir mit einigen Qi-Gong-Übungen. Danach stelle ich mich ans Fenster und beobachte die Menschen. Frauen und Männer arbeiten zuhause im home-office. Die Kinder spielen draußen Hockey, die Jugendlichen fahren auf ihren Fahrrädern vorbei. Es herrscht entspannte Ferienstimmung. Ich beobachte die Vögel. Unbeirrt dessen, was in der Welt der Menschen vor sich geht, trällern sie, paaren sich und suchen Material für ihren Nestbau. Mir wird klar: Es gibt keinen Feuersturm. Die Natur bleibt völlig verschont. Keinem Vogel, keinem Tier, keiner Blume, keinem Baum wird ein Leid geschehen. Es trifft nur uns. Die Menschen. Gott ist gerecht.
Mir wird auch klar: Gott schickt uns einen natürlichen Feind. Es braucht diesmal keinen Krieg, keine Waffen. Es braucht nur ein kleines, unsichtbares Virus. Es ist stärker als jeder Feind es jemals sein könnte. Es erreicht alle. Unausweichlich. Auch wenn es so scheint, dass es hauptsächlich die alten, kranken und beeinträchtigten Menschen wegrafft, wird es doch uns alle betreffen. Wir brauchen eine Veränderung. Wir können so nicht weiter machen. Jeder von uns weiß es. Keiner von uns kann wirklich die Welt verändern. Um die Welt zu verändern, braucht es die Veränderung bei den Menschen. Greta hat es nicht geschafft. Die Erfahrung zeigt: Der Mensch verändert sich nur durch Leid. Es ist wohl mal wieder Zeit für Leid. Das Mittel der Wahl ist eine Seuche. Schafft sie es, uns zur Besinnung zu bringen? Werden wir die Lehren der Demut akzeptieren? Werden wir zurückfinden zu unserer Menschlichkeit? Zu Wahrhaftigkeit? Ich erkenne, dass es gilt alles loszulassen. Alles. Alles, was bisher vertraut oder selbstverständlich war. Der Schein draußen trügt.
Die Erkenntnis löst einen Schock aus. Ich falle ins Freeze und bin zu nichts fähig an diesem Tag. Ich gerate in den Sog von Angst. Da ich diesen Zustand inzwischen gut kenne, weiß ich auch, dass ich mich diesem Strudel überlassen muss. Einen Tag lang lasse ich mich einsaugen. Stelle mich allen Formen von Angst. Am nächsten Morgen bin ich durch. Der Strudel hat mich ausgespuckt. Ich kann wieder aufstehen. Die Kurzdepression hat mich entlassen. Ich fahre zur Arbeit.

Freitag, 20.3.2020
Wir dachten die Dinge aufzuarbeiten, die liegengeblieben sind. Aber statt Ordnung zu schaffen, gerät alles in ein großes Durcheinander. Unsere Kunden spiegeln die Welt. Da gibt es die, die denken gut rauszukommen. Sie rechnen sich sogar einen Gewinn aus. Da gibt es die, die weitermachen wie bisher. Und dann gibt es die, die unter Schock stehen, da sie von einem Tag auf den anderen ihre Geschäfte schließen und ihre Mitarbeiter nach Hause schicken mussten. Zwischen Existenzeuphorie und Siegesgewissheit, zwischen Existenzangst und schlagartigem Umsatzausfall ist alles vertreten. Wo stehen wir?
Auf meinem Weg nach Hause sehe ich zwei junge Mädchen barfuß und kichernd nebeneinander herlaufen. Ab morgen ist das verboten. Kaum sind die Ausgangsbeschränkungen verkündet und damit auch das Schließen der Baumärkte, erfolgt ein Sturm auf die Geschäfte.

Samstag, 21.3.2020
Wir dürfen einkaufen gehen. Die Regale sind reihenweise leer. Klopapierwitze sind der Renner. Aber auch Seife und Dosen sind ausgehamstert. In den Supermärkten gibt es inzwischen Security, die aufpasst, dass sich die Menschen nicht mehr als auf 2 Meter annähern. Die Menschen an den Kassen sind sehr freundlich und ich danke ihnen innerlich für ihren Dienst. Wir haben einen 91-jährigen Opa zu versorgen und stellen die Einkäufe für ihn vor der Kellertüre ab. Der kurze Blickkontakt erfolgt vom Balkon aus. Er ist sehr schwerhörig. Um uns zu verständigen, müssten wir schreien. Er hatte am 19.3. Geburtstag. Ein Treffen und das Kaffeetrinken fielen aus - um ihn nicht zu gefährden. Soziale Isolation für Lebenserhaltung.
Wir fahren zu unserer Tochter und bringen Medikamente. Es gibt keinen Kaffee und Plauderei in der gemütlichen Küche, sondern einen kurzen Austausch über ein geöffnetes Fenster.

Sonntag, 22.3.2020
Wie jeden Sonntag gehen wir joggen. Das ist gestattet. Genau so wie spazieren gehen. Frische Luft ist gut. Unser halbes Viertel ist unterwegs. Wenige entfernen sich weiter von ihrem Wohnort. An manchen Stellen ist es fast schon schwierig sich auf 2 Meter aus dem Weg zu gehen.
Die Lage in Norditalien spitzt sich immer mehr zu. Der Artikel vom 18.3. über die Lage in Bergamo hat mich bereits sehr berührt. Nachmittags lese ich den Artikel Einsamer Tod. Ich weine.

Montag, 23.3.2020
Wir haben uns aufgeteilt. Morgens hält unser Grafiker im Büro die Stellung und wir sind im home-office, nachmittags fahren wir ins Unternehmen.
Mir wird die Nachricht eines Arztes, der in der Lombardei in einem Krankenhaus arbeitet, weitergeleitet. Der Bericht ist erschütternd. Er schreibt, dass seine Kollegen und er, als Mediziner und Wissenschaftler, bisher überzeugte Atheisten waren. Ihre Arbeit, die Geschehnisse im Krankenhaus und das Wirken eines infizierten Pastors veränderte dies:
Wir haben erkannt, dass dort, wo das, was der Mensch tun kann, endet, wir Gott brauchen, und wir haben begonnen, ihn um Hilfe zu bitten, wenn wir ein paar Minuten Zeit haben.
Mein Mann und ich lesen die Nachricht mit Tränen in den Augen. Vor mir steht das gezeichnete Gesicht von Bürgermeister Gori, der uns dazu aufruft die Zeit zu nutzen, die wir noch haben.

Dienstag, 24.3.2020
Ich stehe auf und gehe jeden Schritt in vollem Bewusstsein. Ich bin dankbar für die Sonne, die scheint, für die Vögel, die zwitschern, für das erste zarte Grün, das sich zeigt. Ich bin dankbar für den Menschen, der sein Leben mit mir teilt und inzwischen sogar mit mir weint. Ich denke an all die Singles in unserer Gesellschaft und wünsche ihnen alles Gute. Ich denke an unseren Sohn in Thailand und die Klöster, die inzwischen ihre Pforten geschlossen haben und wünsche ihnen alles Gute. Ich denke an die Menschen in Norditalien und wünsche ihnen alles Gute. Mein Herz tut weh. Ich verabschiede mich nach und nach von allem, was bisher vertraut war und wertschätze es im selben Moment. Etwas in mir weiß, dass eine große Veränderung bevorsteht. Vielleicht nicht für alle. Aber für mich. Weil ich mir diese Veränderung gewünscht habe.
Eine Zeit lang dachte ich, die Welt müsse sich verändern. Ich hoffte, dass diese Krise die Chance für eine gerechtere Welt ist. Vielleicht ist sie das. Vielleicht nutzen wir sie, vielleicht auch nicht. Wie viele gibt es, die gerne nahtlos an dem was war anknüpfen möchten? Ein Teil von mir möchte das auch. Das Alte, Vertraute, Bequeme wiederhaben. Aber ein Teil von mir wollte das schon lange nicht mehr. Er will etwas Neues. Etwas Gerechteres, etwas Liebevolleres, etwas Freudigeres, etwas Menschlicheres, etwas Wahrhaftiges. Etwas was die Seele und das Herz nährt.
Ich hoffe ich schaffe die Veränderung.
Ich hoffe viele andere schaffen die Veränderung.
Dann ist Veränderung möglich.

Der Zufall ist das Pseudonym,
das der liebe Gott wählt,
wenn er inkognito bleiben will.

Albert Schweizer

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