Ein System, für das es noch keinen Namen gibt ...


Habemus Bundespräsident!
Joachim Gauck, 72 Jahre alt und ein Verfechter der Freiheit. Einer, der noch eine Meinung hat und dafür gleichermaßen kritisiert und gelobt wird. Giovanni di Lorenzo sagte in Anne Wills Talkshow, dass alleine die Tatsache, dass Gauck eine Meinung hat, wohltuend ist in einer Gesellschaft, die die größtmögliche Freiheit genießt und gleichwohl im größtmöglichen Konformismus gelandet ist. Einem Konformismus, der auf jeden einprügelt, der sich davon abhebt.
Wozu also Freiheit, wenn diese nicht genutzt wird?
Und einer, der noch eins draufsetzt, ist Frank Schirrmacher, selber ein Vertreter der Babyboomergeneration. Hier Auszüge aus seinem Artikel in der FAZ vom 19. Februar 2012, aufgehängt am Rücktritt von Christian Wulff:

Abtritt ohne Vermächtnis: Der Sturz der Babyboomer
Die erschöpfte Generation
das politische Projekt dieser Generation liegt wie in Trümmern
dass es heutzutage der Alten bedarf, um überhaupt das Wort „Ideen“ noch in den Mund zu nehmen
viele von denen, die aus dieser Generation in die Politik gingen, nach ungezählten Versprechen nur Leere hinterlassen haben
In Frank Schirrmachers Artikel  dreht es sich um das politische und wirtschaftliche Projekt seiner und meiner Generation, um die Illusion, dass Märkte auch schon Ideen sind und um die Leere, die wir in der politischen Landschaft hinterlassen haben. Wir, eine Generation, die nie wirklich etwas durchsetzen musste. Und nun sollen die "Alten" unser Land retten?
Mein Anliegen ist es jedoch nicht, mich hier auf eine politische Diskussion einzulassen. Mir geht es um das, was darunter liegen könnte. Für die Gründe, warum unsere Generation keine Ideen hat, sondern Trümmer und Leere hinterlässt.
Und dazu möchte ich in meine eigene Biografie gehen, die, wie ich inzwischen weiß, nicht für sich alleine steht.

Ich bin 1963 in einer Stadt geboren, die touristisch bekannt ist für ihren Christkindlesmarkt und historisch für die Reichsparteitage und als einer der wichtigsten Orte für nationalsozialistische Propaganda. Als bevorzugtes Ziel der alliierten Luftangriffe wurde die Stadt zu 91 Prozent beschädigt und die Hälfte aller Einwohner waren obdachlos. Es bestand die Überlegung die Stadt aufzugeben und an anderer Stelle neu aufzubauen.

In meinem Geburtsjahr lag das Ende des Krieges 18 Jahre zurück und doch habe ich genau diese Bilder im Kopf. Aufgewachsen in einem zerstörten Stadtteil, fiel es mir schwer in einem Hinterhof mit Kopfsteinpflaster Dreirad fahren zu lernen. Der Hof wurde begrenzt von einer undurchsichtigen Mauer aus Blech. Die Neugierde eines Kindes gibt jedoch keine Ruhe und so schlichen wir uns die Treppe hoch in die höhergelegenen Stockwerke. Von den Fenstern der Zwischenetagen hatten wir einen Blick auf das, was jenseits der Blechmauer lag. Ein von allen Seiten umzäuntes Areal, hügelig und von Unkraut überwuchert. War es wirklich so oder entsprang es meiner kindlichen Fantasie, dass ich in einem hochkant stehenden Stein eine Figur, eine Statue zu entdecken glaubte? Für mich als Kind war dieses Grundstück ein verheißungsvoller und gleichzeitig unheimlicher Ort voller Geheimnisse. Wenn wir die Erwachsenen fragten, warum sie uns diesen Platz nicht für Entdeckungen und Spiele öffneten, kam nur brummelnde Zurückweisung. Heute weiß ich, dass der Ort unserer Sehnsucht die ausgebombten Ruinen eines Gebäudes waren. Ob sich die Bewohner des Hauses retten konnten oder die Gebeine einiger noch unter den Trümmern lagen, entzieht sich meiner Kenntnis. Dieses Areal war und blieb für viele Jahre unantastbar.
Unter dem kleinen Hügel, der einmal ein Mietshaus war, frei zwischen den gegenüberliegenden Häusern lag und uns im Winter als Schlittenhang diente, wurde Jahre danach eine Bombe geborgen.

Und ich frage mich, welche Auswirkungen hat es auf eine Generation, die auf oder zwischen Trümmern, Bomben, Verschütteten oder Leichenteilen aufwächst? Wie sieht die Entwicklung eines Kindes aus, aufgezogen von unbeholfenen Eltern, die sich ihrer inneren Trümmerlandschaften nicht bewusst sind und alles, was hoch kommen will, mit Aktivismus niederdrücken und verdrängen? Welche Auswirkungen hat es auf eine Generation, die in der Schule als Heimatgeschichte unablässig mit Bildern von ausgehöhlten, ausgezehrten, nackten Gestalten hinter Stacheldrahtzaun konfrontiert wird? Deren Geschichtsunterricht, der als Vorbereitung für politisches, kulturelles und historisches Interesse gilt, hauptsächlich aus Bildern von Totenbergen, Projekten über menschenverachtende Experimente an Menschen und brüllenden Sieg-Heil-Ahnen besteht. Welche Auswirkungen hat es auf junge Menschen, wenn sie dazu verpflichtet werden ehemalige Konzentrationslager zu besuchen und hautnah Bergen von abgeschnittenen Haaren und aufgetürmten Schuhen gegenüberzustehen?
Unsere Vorfahren haben unser Kulturgut zerbrüllt.
Kann es sein, dass politisches und geschichtliches Interesse junger Menschen durch grauenerregende Bilder durchlöchert wird?
"Das darf sich nie mehr wiederholen!"
Wer diesen Satz immer und immer wieder hört, der bekommt Schuld und gleichzeitig Verantwortung für die Vergangenheit und die Zukunft aufgeladen und vielleicht ist es einfacher mit einer so schweren Schuld und Erwartung den Kopf in den Sand zu stecken, als sich dieser Last bewusst zu werden und nach einer Idee zu suchen, sie zu leben und die Verantwortung dafür zu übernehmen, welche Konsequenzen sie in der Zukunft auch immer nach sich zieht.
Aber Verantwortung zu übernehmen für unsere Handlungsweisen, uns darüber bewusst zu sein, dass alles was wir tun, sowie alles, was wir vermeiden, Ursache einer Wirkung ist, wurde uns so selten vorgelebt. Wie geht das? Und woher kommt das Rüstzeug, das ich dafür brauche? Mut, Verantwortung, Risikobereitschaft, Ziele, Wille, Struktur, Optimismus. Wer hat uns das gelehrt? Wo stand es auf dem Lehrplan? Auf was konnten und können wir aufbauen?

Wie schrieb Harald Martenstein in seiner neuesten Kolumne?

"Ich bin für das, was ich schreibe, nicht zuständig"

Unser Kolumnist über eine Zeit, in der keiner mehr verantwortlich sein will.


Wenn ein Land zu viel Geld ausgab, dann war dieses Land, so wollte es die Tradition, nach einer gewissen Zeit pleite. Heute scheint das nicht mehr möglich zu sein, andere Länder helfen dem Pleiteland aus der Patsche. In der Wirtschaft dagegen war es so, dass ein Unternehmen kaputtging, wenn es schwere Fehler machte. Zumindest für Banken und Konzerne scheint mir dieses Gesetz weitgehend außer Kraft gesetzt zu sein. Im Strafrecht hat sich der Gedanke ausgebreitet, dass Täter selten aus individueller Schuld zu Tätern werden, sondern meist infolge von Umständen, die sie nicht zu verantworten haben. Die frühere Rolle der Familie, eine Generation sorgt für die andere, hat zu großen Teilen der Staat übernommen.
Die Idee, dass Handelnde im Wesentlichen selbst für ihre Taten, für ihr Leben, für ihre Erfolge und Misserfolge, auch für die Menschen, die ihnen nahestehen, verantwortlich sind, diese Idee der Verantwortung gilt in den verschiedensten Bereichen zunehmend als altmodisch oder sogar menschenfeindlich.
Jeder ist seines Glückes Schmied. So lautete eine, selbstverständlich ideologische und nicht ganz wahre, Kernidee des Kapitalismus. Das Individuum soll frei sein, es hat die Wahl, es kann scheitern oder gewinnen. Wir haben jetzt eine neue Ideologie: Schuld sind immer die anderen. Handlungen dürfen niemals Folgen haben. Deshalb glaube ich, dass wir in Wahrheit längst nicht mehr im Kapitalismus leben, sondern in etwas anderem, einem System, für das es noch keinen Namen gibt ...
Sind wir eine Generation, die das Scheitern vorzieht um nicht die Verantwortung für einen Gewinn tragen zu müssen? Wurde auf den Trümmern unserer Ahnen eine Generation geschaffen, die ideenlos weitere Trümmer produziert und für ihr Versagen allen anderen die Schuld gibt?
Werden wir mit leeren Händen dastehen?

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