Zorn motiviert und spendet Kraft


Die deutsche Sprache ist eine reichhaltige Sprache und ich freue mich immer wieder an den vielen Wörtern, die uns zur Verfügung stehen, um uns auszudrücken.

Aufgewachsen in einer Generation, der das Gefühl "Wut" regelrecht aberzogen wurde, fällt es mir auch heute im Erwachsenenleben manchmal schwer, mich abzugrenzen.

In der kultivierten Erwachsenenwelt ist Wut ein völlig inakzeptables Gefühl und wird als Aggression gewertet. Wut zählt zu den negativen Gefühlen und alles Negative ist unerwünscht. Cholerische Chefs in einem gewissen Alter bilden die Ausnahme. Ein Gefühl kann aber nicht aberzogen werden, es bleibt da, denn es ist eine Kraft, eine Energie, dazu da, etwas zu bewirken. Es kann nur Einfluss auf den Umgang mit dem Gefühl und auf das Verhalten ausgeübt werden. Und wenn dieses Gefühl im Außen nicht ausgedrückt werden darf, bahnt es sich einen Weg nach Innen. So zerstörerisch Wut auf die Umwelt wirken kann, so zerstörerisch kann es auch in unserem Inneren wirken.
Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit dem Gefühl "Wut" und dachte lange Zeit, dass ich inneren Frieden nur durch die Umwandlung von Wut in eine andere Kraft finden kann. Die Kampfkunst hat mir geholfen meine innere Wut in einen körperlichen Ausdruck zu bringen, dessen Art und Weise akzeptabel ist. Als die Wut weg war, fehlte mir der Antrieb, denn Wut ist eine große Kraft. Ich kenne viele Leute, die sich weigern ihre innere Wut loszulassen, da sie in ihr eine Art Triebfeder sehen um ihr Leben überhaupt bewerkstelligen zu können. Dabei übersehen sie häufig, dass Wut, die sich nach innen richtet, selbstzerstörerische Auswirkungen hat und der erhöhte Blutdruck und Herzattacken durchaus damit in Verbindung gebracht werden können.
Nun habe ich diese selbstzerstörerische Kraft in mir zum großen Teil auflösen können und doch, immer wieder zeigen sich mehr oder weniger große oder kleine Rückfälle, die etwas in mir in Bewegung setzen, das wie eine kleine Flamme immer größer wird und explodieren möchte. Und ja, manchmal möchte ich diese Flamme herausbrüllen, auf den Tisch hauen, mit dem Fuß aufstampfen. Und jedes Mal, wenn diese Flamme in mir Gestalt annimmt, fragt eine innere Stimme, eine Art "Wutüberwacher" süffisant: "Und? Was ist nun mit deiner Wut? Doch nicht ganz vorbei, oder?" Da sitze ich nun mit der Überzeugung "Kein innerer Friede im Beisein von Wut". Aber irgendwas passt nicht an diesen Worten, es fühlt sich nicht stimmig an, nicht für mich. Ich brauche eine Antwort, wie ich dieses Dilemma löse. Kann ich meinen inneren Frieden erreichen und trotzdem Wut spüren?

Und die Antwort kam in Form eines Interviews mit Jutta Limbach, 77 Jahre, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts von 1994 - 2002, im Zeit Magazin:
ZEITmagazin: Frau Limbach, sind Sie eine zornige Frau?
Jutta Limbach: Ich bin eine heitere Frau, aber Zorn ist mir nicht fremd. Viele Menschen missverstehen Zorn als Wut und denken, das sei die reine Explosion, doch Zorn motiviert und spendet Kraft. Nicht ohne Grund spricht die Bibel von gerechtem Zorn in Situationen, wo Gott sich besonders geärgert und dann, zugegeben, impulsiv reagiert hat. Ich wirke auf den ersten Blick sehr sanftmütig, kann aber sehr zornig werden. Vor Jahren hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem Kollegen. Er hielt einen liberal gesinnten jungen Juristen für einen Extremisten. Ich konnte das nicht verstehen und habe mit der Faust auf den Tisch gehauen.
...
ZEITmagazin:
Sie sind immer aktiv. Doch vor Kurzem hat Sie eine schwere Herzoperation außer Gefecht gesetzt.
Limbach:
Was Krankenhäuser angeht, neige ich zur Panik. Wenn man von einem Tag auf den anderen seine Glieder nicht mehr bewegen kann, fühlt man sich ohnmächtig. Nach der Operation war ich deprimiert, das gebe ich zu. Wissen Sie, was für ein Erlebnis das ist, wenn man das erste Mal wieder selbst auf die Toilette gehen kann? Ich habe die Krankenschwestern mit meiner Unruhe ziemlich genervt. Diese ganzen kleinen Stecker, die man da hat, damit einem dies und jenes gespritzt wird: Ich hätte mir das am liebsten alles vom Halse gerissen!
ZEITmagazin:
Da kommt der Zorn wieder...
Limbach:
Dann geht’s wieder aufwärts. Bei mir sind Zorn und Willensstärke eins.
"Viele Menschen missverstehen Zorn als Wut und denken, das sei die reine Explosion, doch Zorn motiviert und spendet Kraft."
Und ich frage mich, was der Unterschied zwischen Wut und Zorn ist und meine Antwort: Wut hat eine zerstörerische Wirkung, man nennt sie auch blind. Während Zorn ein Ziel vor Augen hat, man nennt ihn gerecht. Die blinde Wut, die wild um sich schlägt und der gerechte Zorn, der sich bei Ungerechtigkeit zu Wort meldet.
Und damit kann ich prima leben. In Zukunft werde ich nicht mehr wütend, sondern zornig.
Innerer Friede und gerechter Zorn, das ist kein Widerspruch, sondern bedingt sich. So lange ich bei Ungerechtigkeit schweige, kann sich auch mein innerer Friede nicht einstellen. Innerer Friede ist nicht gleichbedeutend mit Passivität. Innerer Friede erfordert oft ein hohes Maß an Aktivität.



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