Wie viel Wahrheit verträgt ein Paar?

 Ich bin ein ZEIT Magazin Leser und im letzten Drittel des Heftes, kurz vor den Spielen und Rätseln und immer rechts von den Partneranzeigen, gibt es "Die großen Fragen der Liebe" und eine Antwort von Wolfgang Schmidbauer. Diesmal stellt sich die Frage: Wie viel Wahrheit verträgt ein Paar?
Die Frage: Ulli und Johanna sind seit gemeinsamen Studentenzeiten mit Lea und Max eng befreundet. Inzwischen nähern sich alle vier dem siebten Ehejahr. Lea und Max haben zwei Mädchen; Ulli und Johanna sind kinderlos und unternehmen viel zusammen, manchmal recht gewagte Fernreisen.
Nach einem der inzwischen recht selten gewordenen Treffen zu viert sagt Ulli zu Johanna: »Die Beziehung zwischen Lea und Max gefällt mir gar nicht mehr. Die streiten ständig über Kleinigkeiten, Haushalt und so!« Darauf Johanna: »Ich könnte da auch oft mit dir streiten, aber ich lasse es lieber.« Betroffen erwidert Ulli: »Genau das meine ich. Wir streiten uns nicht über Kleinigkeiten.« Aber er fühlt sich plötzlich sehr weit weg von Johanna.
Wolfgang Schmidbauer antwortet: Wir alle neigen dazu, möglichen Kränkungen durch Selbstüberschätzung vorzubeugen. 90 Prozent aller befragten Männer halten sich beispielsweise für überdurchschnittliche Autofahrer; ebenso viele Universitätsprofessoren sind überzeugt, besser zu sein als der Durchschnitt ihrer Fachkollegen.
Ich kenne keine entsprechende Befragung von Ehepaaren, bin aber sicher, dass auch hier ein ähnlich hoher Prozentsatz die Illusion pflegt, eine überdurchschnittliche Ehe zu führen. »Siamo la coppia più bella del mondo«, sang einst Adriano Celentano. (»Wir sind das schönste Paar der Welt«). Ulli hat versucht, diese Illusion zu festigen; Johanna hat dem Ballon einen Nadelstich verpasst.
Die Antworten von Herrn Schmidbauer auf die Fragen der Liebe sind oft ungewöhnlich und für mich immer spannend. Diesmal musste ich schmunzeln. Solche Worte aus dem Mund eines erfahrenen Paartherapeuten und Mannes über die Wahrnehmung oder die unbewusste Taktik von Männern - Selbstüberschätzung als Schutz vor möglichen Kränkungen - decken sich mit meiner weiblichen Erfahrung.
Männer in Beziehungen sehen häufig so lange kein Problem, bis es knallt, weil die Frau nicht mehr gewillt ist ihren Mund zu halten. Und so behaupten sie gerne "Wir haben keine Probleme" und verwenden den Pluralis Majestatis für einen komplizierteren Sachverhalt in der Bedeutung von "Ich habe keine Probleme. Wenn jemand ein Problem hat, dann meine Frau, aber das ist ja dann nicht mein oder unser Problem, sondern ihres". Wie sagte jemand mal so schön? "Was willst du? Ich bin ein Mann, primitiv und glücklich". Und dann gibt es diese Spezies, "die Probleme hat und wenn keine da sind, dann machen sie halt welche". Diese Spezies, die die Männer manchmal jäh aus ihrem Männerdasein holt und ihnen die Scheuklappen der Selbstüberschätzung oder Illusionen wegnehmen, indem sie sie irgendwann (muss ja nicht immer im verflixten 7. Jahr sein) deutlich und unsanft auf den anderen Teil der Welt- oder Beziehungsanschauung aufmerksam machen.

Für alle, die sich schwer tun den Partner zu verstehen und den großen Knall vermeiden wollen, habe ich hier einen Tipp:
den Manslater
er übersetzt nicht nur die Sprache der Frauen für Männer, sondern auch umgekehrt. Viel Spaß!



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