transgenerationale Traumata - finanzielle Schuldenlast = alte Schuld?


In Sabine Bodes Buch "Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation", gibt es ein Fallbeispiel, das mich zum Nachdenken brachte.

Beschrieben wird die Lebensgeschichte eines damals 50-jährigen Rechtsanwalts, der als Einzelkind behütet von Eltern erzogen wurde, die beide Flüchtlingskinder sind.
Mitte der neunziger Jahre erfüllte er sich seinen Lebenstraum, kaufte und sanierte einen fünfgeschossigen Altbau aus der Gründerzeit, verkaufte die sanierten Wohnungen und richtete sich vom Gewinn seine Traumwohnung, ein Dachgeschoss mit Terrasse, her.
Zitat aus dem Buch:
"Nach 18 Monaten war es soweit. Ich befand mich endlich in meiner Traumwohnung und hätte eigentlich nur glücklich sein müssen. Aber dem war nicht so."
Zunächst fühlte er sich nur unwohl und verunsichert, ohne zu wissen, warum. Ganz anders als früher fühlte er sich tief getroffen, wenn seine Freundin seinen Hang zu Luxus kritisierte. Eigentlich hätte es ihn nicht mehr erschüttern sollen. Er kannte das doch alles schon: Seit er sein eigenes Geld verdiente, hatten seine Eltern mit Kopfschütteln oder düsteren Ermahnungen auf seine angeblich völlig überflüssigen Anschaffungen reagiert, auf eine Stereoanlage zum Beispiel. Nun aber, in seiner Traumwohnung, quasi am Ziel seiner Wünsche, wurde Robert von Schuldgefühlen geplagt. Eine innere Stimme setzte ihm zu, eine Stimme, die nicht verstummen wollte: "Es geht dir zu gut! Du arbeitest nicht hart genug. Du willst mit 30 Wochenstunden ein schönes Leben führen. Und du willst mehrere Monate im Jahr in Urlaub fahren. Das leistest du dir alles und hast auch noch Erfolg. Du hast eine gute Beziehung und nun auch noch Eigentum. Das ist zuviel. Das steht dir nicht zu!"
Wer war diese Stimme? Sein Gewissen? Ein Neidhammel?
"Es geht dir zu gut! Das steht dir nicht zu!"
Die Vorwürfe seines inneren Konflikts hörten nicht auf. Es war wie eine absurde Belagerung, gegen die sein Verstand nichts auszurichten vermochte. In jener Zeit entwickelte Robert B. das, was er rückblickend eine "handfeste Macke" nennt. Sein Umgang mit Geld veränderte sich. Er, der zuvor beim Hauskauf und während der Sanierung umsichtig gewaltige Summen bewegt hatte und wie geplant als Gewinner hervorgegangen war, verlor den Überblick bei seinen alltäglichen Ausgaben.
Diese Situation hielt über Jahre an, er schöpfte seinen Dispokredit völlig aus und lebte ständig mit der Angst, dass die Bank ihm Daueraufträge stornieren oder Lastschriften zurückschicken könnte. Er litt unter Schlafstörungen. Etwas, das er nicht greifen konnte, drängte ihn dazu ständig über seine Verhältnisse zu leben. Auf seiner Suche nach den Gründen für sein absurdes Verhalten, erkannte er Folgendes: Freunde und Bekannte fragten ihn, warum ihn die Situation aufrege, das machen doch schließlich viele so - Schulden - da sei doch nichts dabei. Insgesamt wurde ihm plötzlich das Jammern und Leiden der Deutschen, die in einer der reichsten Industrienationen der Welt lebten, bewusst.
Robert B. wuchs mit einer Mutter auf, die ihm keine Geheimnisse gönnte, ihrerseits jedoch ein großes Geheimnis verbarg. Die Ehe seiner Eltern schien vordergründig gut zu sein, die Mutter nahm im Beisein ihres Mannes alles hin, hinter seinem Rücken jedoch sprach sie schlecht von ihm.
Bei einer Familienaufstellung kam heraus, dass er, der Sohn, als "Ersatzmann" seine Mutter glücklich machen sollte, weil der Vater es nicht fertig brachte.
Für Robert B. war das keine neue Erkenntnis, er wusste bereits um die Last, die er mit sich rumtrug und die seine Beziehung zu Frauen bestimmte. "Meine Vorstellung war: Ich muss meine Freundin um jeden Preis glücklich machen, ja, ich muss sie retten. Dabei wünschte ich mir nichts mehr als eine gleichberechtigte Partnerschaft, doch das kollidierte mit meinem Muster."
Nachdem von einer Teilnehmerin des Familienstellens erwähnt wurde, dass es wohl ein schlimmes Kriegserlebnis bei der Großmutter mütterlicherseits gäbe, sprach Robert B. seine Mutter an und sie erzählte ihm von der großen Familienkatastrophe:
Seine Großmutter und deren Mutter wurden von Rotarmisten vergewaltigt. Seine Mutter war damals 13 Jahre alt und blieb nur deswegen verschont, weil die Vergewaltiger ihr Versteck übersahen.
Bei ihm selber folgte nach Schock und Erschütterung die Erleichterung durch die Erkenntnis: "Die Männer der Familie hatten die Frauen nicht schützen können, nicht retten können. Also konnte meine Mutter Männern nicht mehr trauen. Vor dem Hintergrund der Vergewaltigung wäre kein Mann gut genug für sie gewesen. Kein Mann - auch ich als Sohn nicht - hätte sie retten können, weil sie mit diesem Trauma belastet war."
Robert B. hatte sich in zwei Beziehungen an Frauen gebunden, die in jüngeren Jahren vergewaltigt worden waren. Frauen, die er, gemäß dem alten Familienmuster, retten und von ihrem Schicksal erlösen wollte.
Bei einer Tagung in Tschechien erhielt er Hinweise auf die Herkunft seiner Mutter und was an dem Ort, in dem sie lebte, passiert war: ein Massaker in Aussig an der Elbe, ein Racheakt an den deutschen Besatzern, die Ausrottung der Dorfbevölkerung, deren Leichen die Elbe rot färbten.
Auf einer Urlaubsreise hatte er ein Erlebnis, das ihn das "verlorene Paradies" seines Großvaters nahebrachte.
"Er hatte sich mit Fleiß und Geschick zu einem erfolgreichen Unternehmer hochgearbeitet und in Böhmen einen Hof gekauft. Auch hier gelang ihm, was er anpackte. Die Landwirtschaft machte ihn zu einem wohlhabenden Mann, dem nichts wichtiger gewesen sei als das Wohlergehen seiner Frau, seiner Mutter und seiner Kinder. Dann der Krieg. Die rote Armee rückte näher. Es gab einen kurzen Zeitraum, da hätte er fliehen können. Aber er zögerte. Vielleicht hoffte er noch auf die Amerikaner. Auf jeden Fall hoffte er, seiner Familie ein Leben in tiefster Armut ersparen zu können. Es war der entscheidende Fehler seines Lebens. Nicht nur, dass er alles verlor, was er besaß - er wurde gezwungen anzusehen, wie seine Frau und seine Mutter von Sowjetsoldaten vergewaltigt wurden."
Robert B.: "Die Schuldgefühle müssen für meinen Großvater unüberwindbar gewesen sein. Er war ein gebrochener Mann - das ist mir plötzlich klar geworden. Dort am Meer war er mir fast körperlich nah, als säße er neben mir in der Hängematte. Er weinte. Wir weinten zusammen."
Der Enkel begriff, dass die hartnäckigen Schuldgefühle, die ihn selbst immer wieder befielen, von seinem Großvater stammten. In seiner Familie gibt es den Spruch:

"Wem es zu gut geht, den bestraft das Leben!"

Und ich frage mich: Auf wie viele unserer Generation, die sich für Eigenheim und Statussymbole bis über beide Ohren verschulden, gelten und wirken die alten Überzeugungen unserer Vorfahren? Was ist unser wahres Erbe?

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien". 

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