Wahres Selbst oder Ware Selbst?

So, nun habe ich es geschafft!

Beim fünften Anlauf habe ich die Hürden bis zur Seite 21 überwunden. Nachdem ich letztes Jahr von einem Bekannten auf das Buch von Bernd Kramer "Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch" aufmerksam gemacht wurde, beschäftige ich mich mit den "Esoterikkritikern". Herr Kramer ist Journalist, arbeitet unter anderem für die ZEIT und im Sommer, nach Veröffentlichung seines Buches, schrieb er in dieser Zeitung einen Leitartikel über Esoterik. Der Artikel sprach mich nicht an. Als Reikilehrerin und Reinkarnationstherapeutin hätte ich mir mehr erwartet. Die Informationen im Artikel waren oberflächlich und auch die Beschreibung des esoterischen Selbstversuchs in der Buchform war doch eher journalistische Recherche ohne rechten Tiefgang.

Anders geht es da im Buch "New (C)Age" von Johannes Fischler zur Sache. Der Herr ist Psychologe und persönlich betroffen. Bis zur Seite 21 seines Buches quälte ich mich durch Schlagworte und Spitzfindigkeiten, die erklären, warum wir der "Welt in der Welt" verfallen.
Das Vorwort von Universitätsprofessor Dr. Heinz Oberhummer, Professor für Theoretische Physik an der TU Wien, strahlt eine Fassungslosigkeit ob des sich in der Gesellschaft ausbreitenden Krebsgeschwürs, genannt Esoterik, aus. Er preist den Fortschritt der Technik als Kind der Naturwissenschaften und fühlt sich durch Methoden der Esoterik ans Mittelalter erinnert.
"Man braucht derzeit jeden verfügbaren kritisch denkenden Menschen, der dem eskalierenden Wahnsinn die Stirn bietet."

Wie gesagt, fünf Anläufe bis zur Seite 21. Da steht im Kapitel "Grund und Grundsätzliches" der Grund für dieses Buch. Herr Fischler hat einen Menschen an die Parallelwelt der Esoterik verloren. Dieser Mensch muss ihm viel bedeutet haben.
So wie vielleicht auch Sie kenne ich jemanden, der in eine lichtvolle Welt abdriftete. Taub für alle Zurufe von außen, unerreichbar für Verwandte und Freunde. Man konnte nur zusehen, wie das Bizarre unaufhaltsam seinen Lauf nahm. Jedes Tun, jede gutgemeinte Intervention besorgter Angehöriger machte alles nur noch schlimmer. Und so war es mein eigenes Unvermögen, zu helfen, das einen ungeahnten Wissensdurst in mir nährte. Ich wollte verstehen, welche Dynamiken dahinterstehen, wollte wissen, welche Sogkräfte hier wirken und welche Leute mit Derartigem ihr Geld verdienen.
Und dann passiert es: Sie beschäftigen sich mit einer Sache intensiv und irgendwann kippen Sie rein. Irgendwann sitzen Sie selbst bei einem Engelsfestival, mit Rekorder, Mikrofon und Kamera. Sie entwickeln ein unbändiges Mitteilungsbedürfnis, denn was Sie dort erleben, schreit förmlich zum Himmel. Und ehe Sie sich versehen, sitzen Sie zu Hause. Zwei Bildschirme und einen Esstisch voller Flyer, Kataloge, Amulette und Sprays - Engelssprays wohlgemerkt. An Ihnen nagt ein beklemmendes Gefühl, denn Sie wissen nun schlichtweg zu viel. Sie haben schon alles probiert, Urlaub machen, Bier trinken, meditieren oder sonstige Formen des Loslassens. Aber dieser klobige Elefant steht mitten in Ihrer Wohnung und geht von alleine nicht mehr weg.
Das gefällt mir, das klingt ehrlich und nun kann ich die Grundstimmung des Buches verstehen, die mir bisher das Weiterlesen vermieste. Da versucht jemand einen Verlust zu verarbeiten und ist wahrlich nicht gut auf die Sache zu sprechen. Das kann ich voll und ganz akzeptieren und nun wird es spannend, denn ich kenne das, was er beschreibt. Nur von der anderen Seite. Ich war in Gruppen, in denen Engelkarten gelegt und Botschaften von Kryon mit heiliger Miene vorgetragen wurden, arbeitete zig meiner "alten Leben" auf, eingehüllt in Pomander, durchlebte meine Geburt und robbte mich vor dreißig Leuten durch den imaginären Geburtskanal. Ich war dabei und nun lese ich die Betrachtungsweise von jemandem, der das von außen beobachtet. Der mir erklärt, warum ich Sendungsbewusstsein entwickelte und meine Suche nach dem "Wahren Selbst" wieder zum Verlassen der "Szene" oder "Inszenerie" führte, da ich anscheinend intuitiv die Transformation zur "Ware Selbst" erkannte. Dass ich gut daran tat diesen Teil von mir, der skeptisch und ironisch alles aus dem Off kommentierte, was ich da so fabrizierte, NICHT als Blockade aus dem Weg zu räumen, sondern irgendwann dieser Stimme wieder mehr Raum zu geben und somit wieder zu dem zurückzukehren, was uns angeblich im Weg steht, dem (gesunden Menschen-)Verstand.

Herr Fischler könnte genau so gut Werbeprofi sein, denn er durchschaut die Strategien. Aber Werbung ist Psychologie, nicht wahr? Werbung manipuliert, weil sie unsere Gefühle anspricht. Wer also könnte das besser durchschauen als ein Psychologe, der persönlich betroffen ist? Er spricht von der Esoterik 2.0, da Esoterik nicht mehr der Geheimhaltung, weil Geheimwissen, unterliegt. Da wird auf allen Kanälen der sozialen Medien "auf Teufel komm raus" verbreitet, geworben, gesendet, missioniert, Bewusstseinselite geschaffen, Lichtkörper zum Strahlen gebracht und ... Angst gemacht. Denn an der Angst wurde schon immer besser verdient als an der Liebe.

Für mich gibt es durchaus Dinge, die auch ohne wissenschaftlichen Beweis helfen. Dinge, die Wissenschaftler als "Humbug" bezeichnen. Man muss sie selbst erfahren, um ihre Wirkkraft zu erkennen. Meistens wird das, was neu und unbewiesen ist, erst einmal abgetan, bis es bewiesen werden kann. Ich versuche mich dem Leben und dem, was wirkt, offen zu halten, nach der Devise "Wenn man etwas nicht wahrnehmen kann, ist das kein Beweis für dessen Nichtexistenz". Aber es fällt wirklich schwer auf dem expandierenden Markt die Spreu vom Weizen zu trennen. Manchmal bleibt nur das Experimentieren. Und manchmal begeistern wir uns für Dinge. Damit aus der Begeisterung kein Fanatismus wird, ist Selbstreflexion angesagt. Das erdet wieder. Und manchmal besteht die Erdung darin zu fliegen.

Ich lese gespannt weiter, nun darf ich mich anschnallen, das Raumschiff hebt ab in die Parallelwelt. Ein Reisebericht folgt .....

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".








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