Einatmen - Ausatmen

It's very important that we re-learn the art of resting and relaxing. It allows us to clear our minds, focus, and find creative solutions to problems.

~ Thích Nhất Hạnh
Lange Zeit habe ich nicht wirklich gewusst, dass nach jeder Phase der Anspannung eine Phase der Entspannung folgen sollte. Warum? Wofür soll das gut sein? Powern, powern, powern. Das ist gut. Als mir jemand sagte, dass mein Feuer zum Kamin rauslodert und ich mich nicht wundern brauche, wenn ich eines Tages nichts mehr zum Nachlegen habe, lachte ich.
Erst als ich anfing Kampfkunst zu praktizieren und mit fernöstlicher Lebensanschauung in Kontakt kam, erhielt ich eine Ahnung, warum es wichtig ist, richtig einzuatmen und auch richtig auszuatmen. Ich musste es über meinen Körper erfahren, der Verstand konnte es nicht erfassen, denn immer auf Hochleistung zu laufen, das ist gut. So wurde es mir beigebracht. Sei fleißig, sei schnell, sei gut, sei besser. Am Besten die Beste. Faulsein ist unnütz, bringt nichts, macht träge.

Die Mutter aller Kampfkünste ist Kungfu.
Auch unser Karatestil basiert auf dem Kungfu-Stil Pangai Noon, was "halb hart und halb weich" bedeutet. Wir Deutschen können hart. Was uns wirklich entsetzlich schwer fällt, ist weich. Wir gehen ins Fitnessstudio und trainieren Muskeln. Muskeln sind gut, aber nicht, wenn sie nicht elastisch sind. Ohne Elastizität machen Muskeln unbeweglich. Sie sehen toll aus, sind aber nicht gut im Gebrauch. Ihnen fehlt die Schmiere, die die Dehnfähigkeit erhält.
"Wie ein Bambus im Wind". Das ist die Metapher für Resilienz. Eine Fähigkeit, die in aller Munde ist. Wir lernen das aber nicht. Weder körperlich, noch geistig. So eingeschränkt wie unsere Muskulatur, so eingeschränkt ist auch oft unser Geist.
Mit Praktizieren des Karate-Do habe ich verstanden, dass die Dynamik erst aus dem Zusammenspiel von Lockerlassen und Anspannung in letzter Sekunde kommt. Wer es schafft, die Kraft nicht aus den Muskeln zu holen - was auf Dauer enorm anstrengend ist - sondern aus seinem Zentrum, und dabei auch noch weich bleiben kann, dessen Technik kommt explosiv.
Hart können wir alle, Kraft haben wir, aber das Weichsein, das Entspannt sein, das Lockersein, das erfordert Übung. Wenn wir Energie nicht verschwenden wollen, gilt es das Gelassensein zu trainieren. Erst dann ist es möglich, die Kraft gebündelt auf den Punkt explodieren zu lassen. Im Karate nennt man das Kime. Asiaten haben dieses Verständnis und Meister trainieren Jahrzehnte. Uns fehlt dieses Verständnis und es ist fraglich, ob ich es jemals beherrschen werde. Ich trainiere, ungeachtet dessen, ob ich es schaffe oder nicht. Dafür braucht es Spirit.

Ich wünsche euch guten Spirit und gutes Kime.

***

Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie unter "RaumZeiten" auf meiner Homepage finden.


Beliebte Posts

Brief einer Mutter an ihren Sohn

Kontaktabbruch - Verlassene Eltern

Brief einer Tochter an ihre Mutter

Töchter narzisstischer Mütter

Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation

Esoterik I: Robert Betz - Der Mann fürs gewisse Zeitalter

Du sollst dein Kind ehren

Band ums Herz