Vorsicht Coach!

Das Wort, das ich 2013 am wenigsten mochte, war "Potenzialentfaltung".
Bereits Anfang Februar kristallisiert sich mein persönliches Unwort des Jahres 2014 heraus - "coaching".

Die rasante Verbreitung dieses ungeschützen Begriffs wirkt auf mich inflationär. Wo auch immer ich hinschaue - es wird gecoacht. Überall sprießen Persönlichkeitscoaches, Bewusstseinscoaches, Potenzialentfaltungscoaches, Ehe-Coaches, Krisen-Coaches, Abnehm-Coaches, Life-Coaches, Führungscoaches, Finanz-Coaches, Management-Coaches aus dem Boden. Warum fühlen sich so viele Menschen wie noch nie dazu berufen andere Menschen zu beraten, was ihre Gesundheit, ihre Work-Life-Balance, ihre Finanzen, ihre Ehe, ihre Leistungsfähigkeit, ihre sportliche Effizienz, ihre berufliche Leistung, angeht?
Klar, das Leben dreht sich immer schneller und wir wollen mithalten statt rausfliegen. Klar, wir haben immer weniger wirklich soziale Kontakte und damit immer weniger gute Gespräche. Klar, das DauergutdraufseinpositivdenkenundauchnochHöchstleistungerbringenmüssen ist anstrengend.

Aber könnte es nicht auch sein, dass in einem Land, wo Therapie noch immer argwöhnisch als Schwäche beäugt wird und noch immer mit dem Vorurteil behaftet ist, dass das nur "Psychos" nötig haben, dass in einem solchen Land die Menschen lieber eine Ausbildung machen, weil "Kompetenz" in der Beratung einfach höher steht als "Bedürftigkeit" in der Beratung?
Nun stehen all diese ausgebildeten Coaches zur Verfügung und sie wissen, was zu tun oder zu lassen ist. Sie wissen, wie unsere Vitalität, Effektivität und unser Glück gesteigert werden können. Dumm nur, dass noch so viele auf der anderen Seite bocken. Warum? Warum klappt das in anderen Ländern und bei uns nicht? Warum sind bei uns noch nicht alle willig Geld auszugeben um zu erfahren, wie sie sich selbst optimieren und glücklich machen können?

Um wieder ein Gleichgewicht herzustellen, habe ich einen Vorschlag: Lassen wir uns doch alle zu Coaches ausbilden (Leute, DAS ist mal eine Bezeichnung für die es keinerlei Voraussetzungen braucht)! Dadurch zeigt keiner Bedürftigkeit, wir tragen alle denselben Titel und wissen, wie der Hase läuft. Keiner muss sich mehr berufen fühlen einen anderen zu beraten und ein jeder weiß, wie er seine Vitalität, Effizienz und sein Glück steigern kann!
Der Coaching-Wahn könnte aufhören, weil jeder sein eigener Coach ist und es kein anderer für ihn besser weiß.
Wo gibt es die Petition, dass Coaching-Ausbildungen in Zukunft von den Krankenkassen bezahlt werden? Als eine Art Selbsttherapie und persönlicher Wertsteigerung? Oder ist es dann nichts besonderes mehr, wenn wir uns alle Coach nennen dürfen?

Tja, was dann? Dann gibt es wieder was, bestimmt, es gibt immer was....



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