Wut


Wut ist  das Gefühl, das mich begleitet, seitdem ich mich erinnern kann.
Lange Zeit hat sich die Wut nicht als Wut gezeigt, sondern als tiefe Traurigkeit. Die Traurigkeit hat mich gelähmt.

Es hat ein starkes Erlebnis gebraucht, welches meine ursprünglichen Gefühle wieder zum Fließen brachte. Es war, als ob ein Damm bricht, hinter dem sich so viele Jahre alles angestaut hatte, was für ein Mädchen unschicklich, unpassend, unerwünscht war. Alles floss ungehindert durch mich hindurch, nahm mir den Atem, schwemmte mich weg. Ich konnte diese starken Gefühle nur (aus)halten. Als ich wieder denken konnte, war ich meilenweit entfernt von dem Ort, an dem ich vorher stand. Und desorientiert.
Traurigkeit und Wut begannen sich zu mischen, manchmal wechselten sie sich so intensiv ab, dass ich Achterbahn fuhr zwischen heißem Feuer und tiefer Verzweiflung. An die Traurigkeit hatte ich mich gewöhnt, mit der Wut wusste ich nicht umzugehen. So schrecklich sich dieser Zustand für mich anfühlte - ich war lebendig und hellwach. Die Lähmung löste sich auf und ich fühlte mich voller Energie. Diese Energie brauchte ich für das, was vor mir lag. Für den Weg, der mich zurückführte zu den Ursprüngen meiner Wut und deren Umwandlung in Traurigkeit.

Die Wurzel für das Gefühlschaos in mir lag in einem Kindheitserlebnis. Ich fühlte mich von einer geliebten Person verraten, geriet in eine zerstörerische Wut, wurde von meiner Zerstörung abgehalten und zur Mäßigung in Isolationshaft gesteckt, bis ich wieder runtergekühlt hatte. Dieses Erlebnis hatte weitreichende Folgen für mich. Ich machte das, was ich von den Erwachsenen gelernt hatte und maßregelte mich selbst, indem ich meine Wut in die hinterste Kammer wegschloss und davor als Bewacher die Traurigkeit setzte. Da ich als Kind weder wütend noch traurig sein durfte, schob ich vor das Ganze die Fröhlichkeit. Meine Umgebung war zufrieden, ich unterlag meinem eigenen Täuschungsmanöver und entfernte mich mehr und mehr von mir selbst. Manchmal schlug die Wut heftig gegen die Tür. Da ich sie nicht mehr als mir zugehörig betrachtete, bekam auch ich Angst vor ihr und begann mich zu beobachten. Ständig lag ich auf der Lauer um mich selbst zu kritisieren, zu beurteilen und niederzumachen, wenn ich etwas nicht so hinbekam, wie es dem entsprach, was mich nach Außen gefällig, gewollt, genügend machte. Hass kam auf für all das, was sich in mir zeigte und so gar nicht dem Bild entsprach, das ich mir nach der Vorstellung der anderen von mir selbst gemacht hatte. Nichts passte. Die Wut entfaltete ihre Kraft nach innen und zerstörte, was zu zerstören war. Die Spannung, die sich auftat zwischen der fröhlichen Fassade nach außen und der Zerstörungswut nach innen, war schwer auszuhalten. Es machte mich traurig. Mein Weinen nach innen erlaubte ich mir. Es war das Gefühl, das sich am ehesten nach mir anfühlte. Es gab mir die Möglichkeit mich von den anderen zu entfernen und alleine zu sein. Im Alleinesein fiel die Spannung ab. Die Traurigkeit stellte keine Ansprüche an mich außer traurig zu sein. Das konnte ich, dem genügte ich, darin konnte ich gut sein. Das machte mich ruhig.

Dieser Weg zurück zu den Wurzeln meiner Gefühle, ließ mich erkennen, dass die Wut dann aufflammt, wenn meine Grenzen überschritten werden. Da diese Grenzen in meiner Kindheit sukzessive abgebaut wurden, indem sie nicht respektiert wurden und mich so formbar machten, erkenne ich sie heute als etwas Gutes, etwas, das mich beschützen will. Wut lässt mich oft in einer Weise reagieren, die für andere völlig unverständlich ist, aber ich weiß  heute, dass sie das Signal ist, dass etwas passiert, was ich hinterfragen sollte. Wut ist der Ersatz für meine Grenze, deren Wahrnehmung mir aberzogen wurde. Ich akzeptiere sie. Sie muss ihr Dasein nicht mehr in der hintersten Kammer fristen und mich zerstören. Sie darf nun frei sein, sie darf gefühlt werden. Ich habe aufgehört mich zu beobachten bei dem, was ich falsch mache und habe angefangen meine Gefühle, die sich zeigen, zu beobachten. Sie dürfen sein, denn sie sind da und ich lasse sie frei. Was zu hinterfragen ist, ist der Auslöser für meine Wut, denn fast immer ist es das alte Gefühl eines empfundenen Verrats. Gefühlt, aber nicht unbedingt wahr. Vielleicht habe ich all die Jahre der Unterdrückung gebraucht um in ein Alter zu kommen, wo ich sie nicht mehr in ihrer Stärke ausleben muss. Ich kann intensiv fühlen, ich kann intensiv erleben, ich kann, muss aber nicht mehr intensiv ausleben.

Und nun, wo ich mich selber besser verstehe und akzeptiere, was da ist, kann ich diesem Weg mehr und mehr folgen. Was ich mit diesem Beitrag sagen will? Hütet euch davor eure Gefühle wegzusperren. Oft denken wir, dass wir unsere Gefühle nicht fühlen dürfen oder sollten, aber eingesperrte Gefühle erzeugen Misstrauen. Misstrauen uns selbst gegenüber macht uns empfänglich für Manipulation, da wir eher den anderen und ihrer Meinung vertrauen als uns selbst. Viele Ratschläge schaffen wiederum nur ein Bild, dem wir versuchen zu entsprechen. Gefühle sind die Sprache der Seele, sie wollen uns etwas sagen. Hört ihnen zu. Oft sprechen sie von Grenzsetzung. Viele von uns wurden dazu erzogen "Ja" zu sagen und ein "Nein" ohne Schuldgefühl ist selten möglich. Die Fähigkeit die eigenen Grenzen wahrzunehmen ist nötig, um den Weg zu finden, der für einen jeden der richtige ist. Kein Weg ist gleich. Es ist gut sich selbst kennenzulernen. Danach ist noch immer Zeit ein besserer Mensch zu werden. Um Ratschläge oder Anweisungen für ein besseres oder freieres Leben befolgen zu können, wie sie Zenmeister Thich Nhat Hanh gibt, ist es gut sich selbst zu kennen, sonst können diese Wege erneut in die Irre führen.

Whenever the energy of anger comes up, we often want to express it to punish the person whom we believe to be the source of our suffering. This is the habit energy in us. When we suffer, we always blame the other person for having made us suffer. We do not realize that anger is, first of all, our business. We are primarily responsible for our anger, but we believe very naively that if we can say something or do something to punish the other person, we will suffer less. This kind of belief should be uprooted. Because whatever you do or say in a state of anger will only cause more damage in the relationship. Instead, we should try not to do anything or say anything when we are angry.
 Thích Nhất Hạnh
Es ist bereits eine große Leistung sich selbst zu stoppen und zu beherrschen, wenn uns heftige Emotionen überkommen, und das braucht viel Übung. Deswegen sind sie aber nicht weg oder lösen sich in Luft auf. Möglicherweise verschonen wir den anderen, verletzen uns aber selbst durch Verurteilung. Wenn wir uns kennen und verstehen, was der Auslöser ist für so starke Emotionen und warum sie uns manchmal so reiten, können wir die Situation auch für uns friedlich lösen. Verständnis für uns selbst und unsere Verhaltensweisen sind der erste Schritt in ein friedlicheres Leben.

Treat your anger with the utmost respect and tenderness, for it is no other than yourself. Do not suppress it — simply be aware of it.

Awareness is like the sun. When it shines on things, they are transformed. When you are aware that you are angry, your anger is transformed. If you destroy anger, you destroy the Buddha, for Buddha and Mara are of the same essence.

Mindfully dealing with anger is like taking the hand of a little brother.

Thích Nhất Hạnh
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Dieser Beitrag ist Teil des Themas "Traumatisierte Familien - Stricke lösen" auf meiner Homepage. Falls Sie mehr darüber lesen möchten, klicken Sie bitte hier.

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