Mehr Bäume

Im Kunstunterricht wurde uns einmal die Aufgabe gestellt einen Baum von unten zu malen.
Zu dieser Zeit saß ich gerne in einem der untersten Äste einer Eiche und beobachtete den Sonnenuntergang. Mich unter den Baum zu legen, gab mir eine völlig neue Perspektive.
Auf dem dicken Ast sitzend, den mächtigen Stamm in meinem Rücken und aus dem Baum heraus auf die Landschaft schauend, fühlte ich mich geborgen. Als ich auf seinen Wurzeln am Boden lag und durch die Krone in den Himmel blickte, spürte ich Aufregung.
Unser Kunstlehrer hatte für mich die Ausstrahlung eines aufbrausenden Raubvogels. Immer mit einem Rohrstock in der Hand, der ein zischendes Geräusch machte, bevor er auf dem Pult oder auch schon mal kurz vor den eigenen Händen trocken aufschlug, schärfte er meine Aufmerksamkeit. Er war ein zynischer, kluger Mann und ich habe viel aus seinem Unterricht mitgenommen.
Er lehrte mich, dass unterschiedliche Standpunkte zu den Dingen eine völlig andere Betrachtungsweise ergeben.
Er gab uns viele Baumaufgaben - die Umrisse verschiedener Baumarten zu zeichnen, die Struktur ihrer Äste und Blätter, ihre Rinde, stehende Bäume im Vergleich zu einem Baumbruch. Diese Aufgaben ließen mich Plätze im Wald suchen, wo ich lernte die Dinge auf mich wirken zu lassen. Er öffnete mir die Augen für die Schönheit und Vielfalt der Natur.
Ich stelle mich noch immer gerne unter einen Baum, schaue in ihn hinein, spüre das Leben, das durch ihn hindurchfließt, seine Eingebundenheit in einen perfekten Kreislauf und höre zu, wenn er durch den Wind in seinen Blättern spricht.


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Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie unter "RaumZeiten" auf meiner Homepage finden.

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